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Alto Purús: Schön und Verdammt
Es ist definitiv eine der abgeschiedensten Gegenden Perus. Die einzige Möglichkeit, das Gebiet zu erreichen, ist per Sportflugzeug von Pucallpa aus. Diese Abgeschiedenheit hat es dem Gebiet erlaubt, über die Jahrzehnte hinweg zu überleben. Der Nationalpark Alto Purús, errichtet im November 2004, ist die am weitesten ausgedehnte Schutzzone des Landes. Dennoch scheinen seine Probleme die selbe Dimension zu besitzen: illegale Holzhändler zerstören indigene Gemeinden, ermorden Angehörige ethnischer Gruppen, die in freiwilliger Abgeschiedenheit leben und wildern um ihre Einkommen zu erhöhen. Sie entscheiden zudem sogar, wer die Erlaubnis erhält, die Region zu betreten und wer nicht, so berichtet der Ökologe Diego Shoobridge, welcher mehrmals längere Zeit in dem Nationalpark verbrachte.
Text: Diego Shoobridge*
Fotos: Heins Plengue und Diego Shoobridge
Es war ein schon fast zu symbolisches Bild: der gehäutete Jaguar vor unseren entsetzten Augen repräsentierte auf eine Art und Weise den wunderbaren natürlichen Reichtum des Nationalparks Alto Purús, der, obwohl ein Schutzgebiet, von allen Seiten her ausgeplündert wird. Nachdem das Fell des Jaguars aus dem Blutrinnsal, in dem das Tier lag, weggetragen wurde, tauchten wir wieder aus dem katatonischen Zustand auf, in dem wir uns befunden hatten. Es existieren immer weniger Orte, an denen die menschliche Hand noch nicht in den ursprünglich Zustand der Natur eingegriffen hat, und wenn sie es tut, hinterlässt sie eine zerstörerische und unumkehrbare Spur. Ich frage mich, ob der Alto Purús die schwarzen Wolken an seinem Horizont, die die Behörden nicht wahrzunehmen scheinen, überwinden werden kann.
Naturparadies
Der Nationalpark Alto Purús wurde unter der Leitung der Föderation der Indigenen Gemeinden des Purús (FECONAPU) in einem partizipativen Prozess errichtet und besitzt eine Fläche von 2.510.700 Hektar. Im Süden grenzt er an den 1,7 Millionen Hektar großen Nationalpark Manu, sowie im Osten an den 670.000 Hektar umfassenden brasilianischen Parque Estadual Chandless und andere Reservate Brasiliens. Gemeinsam formen diese Gebiete ein ausgedehntes, strikt geschütztes Territorium im Amazonasbecken. Dieses Netz geschützten tropischen Regenwaldes, das sich ohne Unterbrechung von der Grenze Brasiliens bis zu den Anden, etwa 300 Kilometer nach Südweste erstreckt, bildet den wichtigsten Naturraum im Amazonas.
Das Gebiet präsentiert eine große biologische Vielfalt, besitzt eine hohe Anzahl an wirklich attraktiven Landschaftsbildern und wurde als ein vorrangiges Gebiet zum Schutze der Biodiversität in Peru bestimmt. Unter den erwähnenswertesten Spezien der Fauna finden sich auch vom Aussterben bedrohte Arten wie beispielsweise der Flussotter, der Maquisapa-Affe, das große Gürteltier, der Jaguar, der Waldkondor, die schwarze Echse, die Taricaya-Schildkröte, die Boa sowie die Anakonda u.a. Die Region besitzt eine große Anzahl an Flüssen, Seen, Schluchten, Stränden, Wäldern und Feuchtgebieten, sowie alle möglichen Vogelarten, Insekten, Reptilien und eine enorme Vielfalt an Pflanzenarten. Kurz gesagt, der Alto Purús besitzt all die für die Förderung der nachhaltigen Entwicklung, wie Tourismus und Forschung, nötigen Ressourcen, von dem alle Peruaner profitieren.
Das Förderungsniveau der natürlichen Ressourcen innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte, und im Besonderen der letzten fünf Jahre, hat bewirkt, dass so gut wie das gesamte peruanische Waldgebiet negativ beeinflusst wurde und heutzutage nicht länger die einstige Kapazität besitzt um die Nachfrage seiner Bewohner und der Gesellschaft im allgemeinen zu befriedigen. Dies hat dazu geführt, dass sich die Aufmerksamkeit derjenigen, die die Ressourcen abbauen, vor allem die Holzhändler, nun auf die Schutzgebiete und die Territorien der indigenen Gemeinden richtet. Der Purús, eine der wenigen unberührten Gebiete des peruanischen Amazonas, ist von dieser Tendenz keineswegs ausgeschlossen.
Der Hinterhalt der Holzhändler
Der Purús ist eines der wenigen Gebiete, wo noch Edelhölzer gefunden werden können: harte Mahagonibäume, die als Quelle für Saatlinge zur Wiederaufforstung an anderen Stellen des peruanischen Waldes genutzt werden können. Die illegale Abholzung der Mahoganibäume (Swietenia macrophylla) im Nationalpark Alto Purús und den angrenzenden Gebieten schreitet mit hoher Intensität voran, trotz der peruanischen Gesetzgebung und den bestehenden internationalen Regelungen zur Bewahrung der Mahagonis, der indigenen Gemeinden und der Schutzgebiete. Diese illegale Holzförderung schadet sowohl dem Ökosystem der Region des Alto Purús, als auch den indigenen Gemeinden, der Biodiversität und dem Nationalerbe.
Purús ist praktisch Niemandsland, oder besser gesagt, Land derjenigen, die es geschafft haben, in ein beispielloses Förderungssystem einzugreifen. Die Holzfäller haben exklusive Transportkreise, ungerechte und versklavende Arbeitssysteme sowie für die kleinen indigenen Gemeinden der Region unvorteilhafte Austauschbeziehungen eingerichtet. Diese Gemeinden leben in extremer Armut, ohne zureichende Gesundheitsversorgung, Bildungsmöglichkeiten und Justiz, vom Staat komplett verlassen.
Die einzige natürliche Ressource, die den indigenen Gemeinden den Zugang zu Geld ermöglicht, welches notwenig ist zum Erwerb von Konsumgütern, die der Wald ihnen nicht geben kann (Kleidung, Salz, Zucker, Herde, Hefte, Medizin u.a.), ist die Förderung des Holzes ihrer Gemeindeterritorien, also Holz, welches in ihrem Besitz ist. Nach diesem Prinzip, und einer immer größer werdenden Markteindringung, sehen sich die indigenen Gemeinden aufgrund fehlender Einkommensalternativen gezwungen, mit Holzhändlern aus Pucallpa, die in immer größer werdender Anzahl in der Zone anzutreffen sind, in Kontakt zu treten.
Krümel für Mahagoni
Im Austausch für das Holz bieten die Holzhändler den Gemeinden Zahlungen im Voraus in Form von Konsumgütern an. Da die Gemeindeoberhäupter nicht in der Lage sind, irgendwelche Geschäftsverhandlungen zu führen, erhalten die Händler, nachdem sie eine Reihe von Papieren haben unterzeichnen lassen, die forstwirtschaftlichen Genehmigungen im Namen der Gemeinden. Die Kosten der Genehmigungen sind unmäßig überhöht, und somit beginnen die Gemeinden ihre Beziehung zu den Holzhändlern schon so verschuldet, bevor auch nur ein einziger Baum gefällt wurde.
Die Gemeinden stimmen mit den Holzhändlern die Anzahl der in ihrem Gebiet zu fällenden Mahagonibäume für einen zuvor festgelegten Zeitraum ab. Dennoch, sind die Lager erst einmal aufgeschlagen, treffen die Holzfäller ständig neue Abmachungen mit den Gemeindeoberhäuptern und ziehen sich nicht eher aus den Gemeinden zurück, bevor nicht alle Mahagonibäume gefällt sind. Erst einmal im Wald Fuß gefasst, arbeiten die Holzhändler, wo immer sie auch Mahagonibäume finden, ungeachtet der Verträge, die mit den Landeigentümern geschlossen wurden. Zudem benutzen sie bestehende Genehmigungen um Holz aus Gemeinden zu schmuggeln, die eigentlich gar keines besitzen. Die Holzhändler achten weder die Pläne zur Forstgestaltung, sollten welche bestehen, noch die Grenzen zwischen den Gemeinden, als auch genauso wenig jegliche andere Norm oder Vorschrift.
Die Übereinkünfte mit den Indigenen basieren auf dem Austausch von Mahagoni für Essen und andere Materialien, wobei die Holzhändler die Preise der getauschten Güter in die Höhe treiben. Die Gemeindemitglieder erhalten diese Güter vor Beginn jeder Fällaktion und stehen somit ständig in der Schuld der Händler. Das Fällen der Bäume und die Förderung finden solange statt, bis die Gemeinden die gesamten Schulden zu den festgelegten Preisen an die Händler abgeleistet haben. Ein Beispiel: ein 10-PS Außenbordmotor, der normalerweise rund 1500 Nuevos Soles (etwa 365 Euro) kostet und für die indigenen Gemeinden nur äußerst schwierig auf andere Art und Weise beschafft werden kann, wird für acht oder zehn Mahagonibäume getauscht, deren Preis ungefähr hundertmal höher liegt als der des Motors.
Kontrollflüge
Die Preise, die die Holzhändler den Gemeinden für das Holz zahlen, betragen nur einen Bruchteil des Marktpreises. Die Händler bieten zwischen 20 und 80 Cent pro Fuß Mahagonibrett in den Gemeinden, wenn der eigentliche Preis bei 12 Nuevos Soles in Lima und 18 Nuevos Soles für den Export liegt. Schließlich erhalten die Gemeinden zwischen 100 und 200 Nuevos Soles für einen haubaren Mahagonibaum, dessen wert auf dem internationalen Markt einige tausend Dollar beträgt. Dieses System an versklavender Ausbeutung ist bereits soweit gelangt, dass einige Gemeinden derart verschuldet sind, so dass die Holzhändler voraussichtlich bis weit über das Jahr 2010 hinaus in den Gebieten verweilen werden.
Der einzige direkte Zugang zum Alto Purús ist über den Luftweg bis Puerto Esperanza, ein kleines Bevölkerungszentrum mit etwa 600 Siedlern und Hauptstadt der Provinz Purús. Puerto Esperanza besitzt eine asphaltierte Landebahn, die von kleinen und mittleren Flugzeugen aus dem rund 400 Kilometer entfernten Pucallpa kommend benutzt wird. Dies bedeutet, dass die einzige Möglichkeit, das Holz nach Pucallpa zu schaffen, per Luftweg ist. Das Holzgeschäft ist derart lukrativ, dass sich die Händler den Luxus dieser Transportart leisten können.
Da es keine Linienflüge nach Purús gibt, sind alle Flüge gechartert, die meisten von den Holzhändlern, die den Transport zur und aus der Region monopolisieren, und die die Flugzeuge nutzen, um lebensnotwendige Güter in die Zone zu bringen und das Holz nach Pucallpa zu transportieren. Die größten Flugzeuge, die benutzt werden um große Mengen an Holz aus der Zone zu schaffen, sind von den Streitkräften gechartert: Flugzeuge, die eigentlich Kontrollflüge zum Nutzen der Bevölkerung unternehmen sollten, werden zum Transport des Holzes genutzt.
Die Leprakranken
Auf diese Weise steuern die Holzhändler über die einzige Brücke zwischen Puerto Esperanza und dem Rest des Landes die gesamte Bewegung in der Region. Sie sind praktisch die Besitzer der Provinz, kontrollieren die Konsumgüter, den Diesel und Baumaterialien. Dieser Missbrauch hat bereits solche Ausmaße angenommen, dass mittlerweile die Holzhändler bestimmen, wer die Flugzeuge besteigen darf und wer nicht. Es gab bereits eine Reihe von Beschwerden bezüglich dieser Situation, doch die Händler werden immer stärker, unerreichbarer und herausfordernder. Die Lokalbevölkerung ist überzeugt, dass sich die Situation aufgrund einer soliden Kette an Komplizenschaft hält, die bis zu den höchsten Autoritäten reicht.
Jeder, der in der Provinz Purús lebt, hängt von den Holzhändlern ab, sei es, wenn es ums Reisen geht, um Formalitäten in Pucallpa, um gesundheitliche Notfälle oder einfach nur um in die Stadt zurückzukehren. Diejenigen, die sich in irgendeiner Art beschweren oder es wagen, die Stimme gegen den Missbrauch der Holzhändler zu erheben, erhalten einfach keine Erlaubnis zu reisen; sie bleiben für Wochen und Monate abgeschieden in Puerto Esperanza. Dies ist der Fall bei einer Gruppe von Behördenmitgliedern wie dem Unterpräfekt Luis Lima oder dem Regionalberater Sidney Hoyle und weiteren 15 Personen, die einfach keine Möglichkeit besitzen sich fortzubewegen. Wenn diese Personen die Zone verlassen wollen, sehen sie sich gezwungen, andere Personen zu vereinen, die ebenfalls reisen möchten, um gemeinsam ein ganzes Sportflugzeug chartern zu können. Die Händler schicken daraufhin eines ihrer eigenen gecharterten Flugzeuge und nehmen die Passagiere mit, immer darauf bedacht, dass die "Unerwünschten" - im lokalen Sprachgebrauch als "Leprakranke" bezeichnet - nicht reisen können. Zudem kontrollieren sie die Post; diese kommt einfach nicht beim Adressaten an, sollte dieser auf ihrer schwarzen Liste stehen. Unter diesem Druck "übersehen" viele lokale Behörden die Handgriffe der Holzhändler, aus Angst, auf die Liste der "Leprakranken" zu gelangen und auf unbestimmte Zeit abgeschottet zu leben.
Diese verzweifelte Situation hat bewirkt, dass einige schon über die Möglichkeit einer Strasse nachgedacht haben, die Iñapari mit Puerto Esperanza verbinden soll. Dies wäre absurd! Eine Strasse würde die Zerstörung des Purús bedeuten: Tausende von Holzfällern würden kommen, zusammen mit wandernden Bauern aus den Anden und anderen, die auf der Suche nach den natürlich Ressourcen der Region sind. Brasilien sieht dem Bau einer Strasse, die an seine Naturschutzgebiete und Reservate angrenzt, mit Befürchtungen entgegen, denn man kennt die Gefahr der illegalen Holzförderung auf dem eigenen Gebiet und befürchtet den Drogenhandel. Die Geschichte der Zerstörung, die man schon in anderen Teilen des Amazonas gesehen hat, würde sich wiederholen: eine Strasse, die keinen Nutzen, sondern nur Plünderung und Ausbeutung der Ärmsten mit sich bringen würde.
Träume des Jaguars
Es existiert noch eine andere Gruppe von Holzhändlern, die illegal operiert und Holz aus dem westlichen Gebiet des Nationalparks Alto Purús, entlang der Flüsse Sepahua und Inuya, schlägt. Es ist eine Ausbeutung ohne Kontrolle und Respekt für die Normen und Regeln. Die Forstaktivitäten in dieser Zone beeinflussen die ethnischen Gruppen, die sich in Abgeschiedenheit in diesem Gebiet bewegen. Man konnte mehrere Fälle von gewalttätigem Aufeinandertreffen zwischen diesen Holzfällern und Indigenen dokumentieren, wobei letztere mit Gewehren angegriffen und ohne Erbarmen ermordet wurden.
Das illegale Holzgeschäft verletzt das Abkommen über den Internationalen Handel von Bedrohten Arten der Flora und Fauna (CITES), welches auch von Peru unterzeichnet ist. CITES listet Mahagoni als eine bedrohte Art auf. Dennoch ermöglicht die Peruanische Regierung weiterhin den Export von Mahagoni und händigt die Erlaubnis für diese bedrohte Art aus, in offensichtlichem Widerspruch zum internationalen Abkommen.
Die Holzindustrie bewegt sich unter der mächtigen Nachfrage nach Mahagoni seitens der Industrienationen. Während die Ausstattung an Mahagoni in anderen Teilen des Amazonas zurückgeht, steigt der Druck der Holzhändler über den Alto Purús und andere Schutzgebiete. Unter diesen Umständen sieht die Zukunft des Alto Purús und dessen Bewohnern düster aus. Diese Situation schreit geradezu nach einer effizienten Intervention der nationalen Behörden um die forstwirtschaftlichen Aktivitäten zu ordnen, die Ausbeutung und den Missbrauch der indigenen Bevölkerung aufzuhalten und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Der Staat muss den Erhalt der Territorien garantieren mit dem Ziel, die natürlichen Ressourcen zu schützen und die Bevölkerung des Gebietes zu verteidigen.
Wenn dies nicht geschieht, so wird nur ein Blutfleck, wie ihn der gehäutete Jaguar hinterlassen hat, als Erinnerung an diese schöne Ecke des peruanischen Amazonas bleiben.
*Diego Shoobridge ist ein bekannter Umweltschützer; seine Arbeit kann auf www.parkswatch.org betrachtet werden.
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